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„Ein Tag ohne Tote ist langweilig“


„Er hat viele Tätowierungen. Sie sagen, er ist seit gestern Abend verschwunden. Neben ihm fanden sie einen Schraubenzieher, mit dem er getötet wurde. Damit wurde er erstochen und sein Hals aufgeschlitzt“, erzählt ein Polizist vor dem gelben Absperrband, das den Tatort von der Welt da draußen symbolisch trennen soll.

Wieder ein Toter in Zone 13

Hunde streunen durch die Gegend, Schaulustige stehen am Absperrband und beobachten die Arbeit der Polizei. Auch Mütter mit ihren Kindern sind anwesend, die ganz ohne Furcht auf den Toten schauen, so als wäre es für sie selbstverständlich eine Leiche zu sehen. Der Tatort des Mordes liegt in Zone 13, in einem Viertel der Stadt Sololá, einer Stadt in Zentralguatemala. Jeden Tag gibt es in der Gegend unzählige Tote, Opfer von Morden, bewaffneten Überfällen und dergleichen, wie es sie in ganz Guatemala jeden Tag aufs Neue gibt und die schon zum Alltag der EinwohnerInnen gehören. Beim Toten, der an jenem Tag in Zone 13 gefunden wird, gibt es etwas Besonderes: Er hat einen Namen, er heißt Severino del Leon Rodriguez. Er ist somit nicht einer der vielen namenlosen Toten, die täglich auf den Friedhöfen Guatemalas begraben werden.

Schuld an allem sind nur die Bananen

Zwischen 1944 und 1954 gab es in Guatemala einen starken Demokratisierungsprozess, der versprach, die Zukunft des Landes zu positiv gestalten und zur Verbesserung der Lebenssituation der EinwohnerInnen beizutragen. Doch zu dieser Zeit hatten schon viele nordamerikanische Firmen in Guatemala Fuß gefasst und beuteten das Land mit seinen Ressourcen und dessen EinwohnerInnen aus. Allen voran war es die Bananenindustrie, die durch den Anbau auf großen Plantagen viel Geld machen konnte. 1954 kam es dann zu einem bewaffneten Aufstand der indigenen Bevölkerung, die sich gegen die Ausbeutung zur Wehr setzen wollten. Doch der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen und schließlich der Präsident Guatemalas durch den Einfluss der nordamerikanischen Industriebetriebe, die im Land operierten, abgesetzt. Seit diesem Jahr kommt es immer wieder zu bewaffneten Konflikten zwischen den EinwohnerInnen Guatemalas und dem Militär bzw. der Polizei.

Die vererbte Kultur der Gewalt

Seit mehr als 40 Jahren gehört Gewalt in Guatemala zum Alltag. Die Polizei beklagt den Mangel an Anzeigen von Gewaltverbrechen, ohne Anzeige könne sie nicht arbeiten. Doch die EinwohnerInnen Guatemalas wissen, warum sie nicht auf die Polizei vertrauen: Die BeamtInnen gelten als korrupt, bis es zu einer Gerichtsverhandlung kommt, kann es Jahre dauern, und einflussreiche Menschen genießen prinzipiell Straffreiheit. Menschen, die als verantwortlich für den Mord an tausenden Indigenos/Indigenas angesehen werden, genießen diese Straffreiheit und bekleiden heute öffentliche Ämter. Guatemala gilt heute als eines der gefährlichsten Länder der Welt, die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes zu sterben ist dreimal so hoch wie im Irak.

Ein Film ohne Happy End

Fritz Ofners Film „Evolution der Gewalt“  (ab 3. Mai in den österreichischen Kinos) ist ein Dokumentationsfilm, der keine Lösungswege für die Situation in Guatemala aufzeigt, sondern die SeherInnen dazu ermutigen möchte, sich selbst Gedanken zu machen und sich kritisch mit der Situation in Guatemala auseinanderzusetzen. Der Film zeigt den gewaltvollen Alltag Guatemalas unverblümt und versucht dabei nicht die Geschehnisse zu beschönigen. Ofner urteilt nicht über das Geschehen, er kommentiert nicht, sondern lässt die Filmsehenden vollkommen allein mit den Bildern und den erzählten Schicksalen der EinwohnerInnen Guatemalas. Die „Evolution der Gewalt“ zeigt eine Seite Guatemalas, der sich mit Sicherheit nur wenige Menschen in Europa bewusst sind und trägt somit dazu bei, das Schicksal eines „fast unbekannten“ Landes außerhalb Südamerikas bekannt zu machen und den EinwohnerInnen Guatemalas ein Gesicht zu geben.


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