Kenne Deine Rechte

Denn wir wissen nicht, was sie tun


Die Angst der GrazerInnen vor der Bettlermafia

Sie sitzen in der Herrengasse und vor Hofer Filialen. Mit gesenktem Blick und einem leeren Pappbecher in der Hand beleidigen die BettlerInnen schon seit Jahren das Auge der Grazer Bevölkerung. Nebenher stinken sie auch noch, und einige von ihnen sind sogar behindert! So was gehört doch verboten!

Wovor haben die GrazerInnen Angst? Vor dem allgegenwärtigen Beweis, dass es Menschen gibt, denen es schlecht geht? Davor, dass keine TouristInnen mehr in die „Bettlerhauptstadt“ Österreichs kommen? Vor höheren Feinstaubwerten und vermehrtem CO2 Ausstoß durch zusätzliche 80 Menschen, die in Graz Luft verbrauchen?
Nein, es ist die Angst vor der Bettlermafia!
Hat noch nie jemand beobachtet, wie am Abend rumänische Mafiabosse aus ihren BMWs steigen und den versklavten BettlerInnen ihr Geld abnehmen? Was, niemand?
Nun, das heißt aber noch lange nicht, dass es sie nicht gibt. Dasselbe könnte man übrigens auch über Marsmenschen sagen.

Also, auch wenn einige Medien und sogar unser Bürgermeister anderes behaupten: „Es gibt KEINERLEI Beweise oder auch nur Hinweise auf Organisation oder Ausbeutung der in Graz aufhältigen BettlerInnen.“ Diese öffentliche Erklärung gab der Leiter der Staatsanwaltschaft Dr. Gruber bereits 2006 ab, und seitdem wird jedes Jahr eine Polizeiaktion durchgeführt, um diese Aussage zu bestätigen. Nie gab es die geringsten Hinweise auf Hintermänner, die den BettlerInnen das Geld abnehmen.

Warum müssen sie betteln?

Die meisten der „Grazer“ BettlerInnen stammen aus der Slowakei und Bulgarien. 90% von ihnen kennt der Armenpfarrer Pucher persönlich. Er reiste selbst in einige slowakische Dörfer und kann die schlechten Lebensbedingungen bezeugen.
„Es gibt dort kaum Arbeit und ein teures Gesundheitssystem. Viele der Menschen betteln, um sich dringend benötigte Medikamente leisten zu können, andere einfach, um ihre Familien zu ernähren.“
Viele würden das Geld auch brauchen, um im Winter Gas zum Heizen zu kaufen, denn in der Slowakei ist es verboten, im Wald Holz zu sammeln.

Bürgermeister Nagl hat vor kurzer Zeit damit aufhorchen lassen, dass er eine Volksbefragung zum Bettelverbot will. Diese wäre aber nicht nur extrem teuer, sondern auch

  • moralisch äußerst fragwürdig. Kann man Menschen einfach so über die Rechte anderer Menschen abstimmen lassen?
  • sinnlos. Die Stadt Graz darf rechtlich gar kein Bettelverbot erlassen, dies kann nur das Land Steiermark. Allerdings wäre auch das verfassungsrechtlich zweifelhaft.
  • eine reine Imagekampagne. Viele ÖVP-PolitikerInnen befürchten den Verlust von Wählerstimmen durch die Koalition der Grazer ÖVP mit den Grünen. Nagl soll sich deshalb von den Grünen abgrenzen.

Faktum ist: Hier wird mit dem Leid der Menschen Politik betrieben. Die Ärmsten Europas werden zu kriminellen Störenfrieden gemacht.
Aber fragen wir uns doch selber: Warum wollen wir die BettlerInnen nicht?
Weil wir wirklich glauben, dass sie Teil einer „Mafia“ sind oder weil uns das schlechte Gewissen plagt, wenn wir Armut sehen?

Quelle:

Interviews mit:

  • Herrn Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Benedek, Vorsitzender des Grazer Menschenrechtsbeirats, Kodirektor ETC Graz und mit
  • Herrn Wolfgang Pucher, Pfarrer der St. Vinzenz Kirche in Graz

 


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